Im Jahre 2001 hat sich die Haus- und Landwirtschaftliche Schule Schwäbisch Hall einen neuen Namen gegeben. Mit der Haller Wohltäterin und "Finanzmanagerin" Sibilla Egen fanden wir eine berühmte Frau, die zur Zeit der Renaissance und Reformation lebte und durch ihr Lebenswerk aus der Geschichte herausragt. Als für die damalige Zeit emanzipierte Geschäftsfrau hat sie die sozialen Tugenden der Gerechtigkeit und Fairness durch berufliche Stipendien für Jugendliche und Stiftungen für sozial Schwächere und junge Frauen in die Tat umgesetzt. Ihre Stiftungen waren beispielgebend für die Stadtgeschichte und waren bis zur Inflation von 1923 wirksam, indem zahllose junge Menschen eine soziale Zukunftschance und berufliche Perspektiven erhielten.
Nach heutigen Begriffen könnte man die Angehörige des Haller Stadtadels geradezu als Wirtschaftsmanagerin bezeichnen, die einerseits höchst erfolgreich wirtschaftete, andererseits aus ethisch-religiösen Motiven viel für Frauen, Auszubildende und Arme getan hat. Gerade ihre Stiftungen für Studierende, Gesellen, jüngere und schwangere Frauen oder Witwen begründeten ihren Ruf einer erfolgreichen ökonomischen Tätigkeit etwa in den Bereichen Immobilien und Kapitalanlagen und soziale Gesinnung aus christlicher Nächstenliebe.
Ihr zweiter Mann Anton Hofmeister, ab 1527 Stättmeister (also Bürgermeister), war mit dem Reformator Johannes Brenz befreundet, der ihm die Schrift "von gehorsam der underthan gegen irer obrigkeit" widmete. Der Mitstreiter Martin Luthers hatte sich bereits für die Ausbildung von Mädchen eingesetzt. Freilich spricht es auch für Sibillas Eigenständigkeit, dass sie im Gegensatz zu ihrem Mann am althergebrachten Glauben festhielt. (Zwei ihrer Brüder waren katholische Geistliche.)
Durch die Ausstellung "Töchter Europas", die 1998 u. a. im EU-Parlament gezeigt wurde und das Standardwerk "Lebensläufe" (1988) von Dr. Gerd Wunder wurde sie ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt. Eine neue Veröffentlichung des Schwäbisch Haller Stadtarchivars Dr. Maisch zeigt an1ässlich des 850-jährigen Stadtjubiläums 2006 neueste Forschungsergebnisse über das "Porträt einer Dame - Sibilla Egen." Zu sehen ist, dass sich Sibilla sehr um ihre gesamte Familie kümmerte, auch wenn sie das Pech hatte, ihren einzigen Sohn zu verlieren. Neben hochrangigen Beziehungen hatte sie immer Kontakt mit einfachen Bürgern.
Im Mai 1976 beschloss der Haller Gemeinderat, dem Hause "Am Markt 9" den Namen "Sibilla-Egen-Haus" zu geben - heute findet man hier das Amt für Tourismus.
Sibilla lebte Tugenden und repräsentierte Werte, deren ethisch-moralische Geltung gerade im Zeitalter der Globalisierung und rigiden Ökonomie notwendig sind. Sie könnte dadurch ein Vorbild für die soziale Elite und die Jugend von heute sein, denn das 21.Jahrhundert erfordert von der Weltzivilisation eine neue fundamentale Orientierung an sozialen Werten in der "Einen Welt".
Die Sibilla-Egen-Schule mit ihren beruflichen Profilfächern Ernährungslehre und Naturwissenschaft, Hauswirtschaft und Pflege nimmt aktiv an diesem Strukturwandel teil. Wirtschaftliche Bildung, wissenschaftliche Ausbildung und Tugenderziehung sind drei unserer Säulen - fachliche und menschliche Qualitäten sind gleichermaßen auszubilden.
Home |
Seitenanfang |
Stand: 08-09-21 Letzter Bearbeiter: Jürgen Gierich Text: Hans Graef Datei: schule/sibilla/sibilla4.htm |