Sibilla Egen

geboren um 1470 - gestorben am 28. September 1538

Zum Geleit

Sibilla Egen sticht in der hällischen Stadtgeschichte als besondere Persönlichkeit heraus. Der Stammbaum der Familie Egen weist, nicht ganz ohne das Zutun Sibilla Egens selbst, viele Verwandtschaften zum ehemaligem Haller Stadtadel auf. 

Sibilla Egen selbst fällt in der fast 2000-jährigen Geschichte der Stadt Schwäbisch Hall besonders durch ihre Wohltaten im sozialen wie schulischen Bereich der damaligen städtischen Infrastruktur auf. So gründete sie 1509 eine Stiftung zur Unterstützung von jungen Frauen, Hebamen und Mägden. Auffallend an ihrer Person ist, dass bereits ihr Elternhaus aus einer höheren politischen Situation kommt. So wurde aus ihr eine selbstbewusste und emanzipierte Frau, die maßgeblich an der Reformation und Umgestaltung der geistlichen Umgebung in Hall beteiligt war.

Als zweitreichste Person der damaligen Stadt Hall hatte sie die Möglichkeit zur Veränderung, welche sie auch ausgiebig nutzte.

Inhalt

> Die Familie Egen
          - Die Egen im Spätmittelalter
          - Eltern der Sibylle Egen
          - Sibylle Egen in Hall
          - Die Geschwister
          - Die weitere Familiengeschichte

> Sibilla "die Egen"
          - Erster Lebensabschnitt (~ 1470 - 1493)
          - Die erste Witwenschaft (1500 - 1517)
          - Die zweite Ehe (1517 - 1532)
          - Reformationszeit in Hall (1523 - 1525 - 1548)
          - Die zweite Witwenschaft (1532 - 1538)
          - Der Lebensabend und die Stiftungen (1533 - 1538)

> Lebensdaten der Sibilla Egen
          - Die Familie Hanns Egen
          - Chronica Sibylle Egen

> Die Stiftungen der Sibilla Egen
          - Die erste Egen-Stiftung (1509)
          - Erste Ergänzung der Egen-Stiftung (1523)
          - Zweite Ergänzung der Egen-Stiftung (1533)
          - Weitere Wohltaten der Sibilla Egen-Hofmeister

> Ergo Sibylle
          - Was aus der Sibilla-Egen-Stiftung wurde

>>  Wie und warum die Sibilla-Egen-Schule zu ihrem Namen kam <<

 

Einzige bildliche Darstellung Sibilla Egens auf ihrem Totenepitaph in der Stadtkirche St. Michael in Schwäbisch Hall. Am linken, unteren Bildrand ist das Familienwappen derer von Rinderbach zu erkennen. In diese Familie war sie, über ihre erste Ehe mit Hans von Rinderbach, zeitlebens involviert. Am unteren rechten Bildrand ist das Familienwappen der Familie Hofmeister zu erkennen, ihres zweiten Ehemannes. Oben rechts ist das Wappen ihrer Mutter (Langenmantel), oben links das ihres Vaters (Egen) abgebildet. Sie selbst wird mit typisch vorreformatorischem Totenschmuck gezeigt, mit Rosenkranz und gefalteten Händen.

Das Familienwappen der Egen zu Hall. Hier ist speziell das Wappen der "Frau Sibilla Egin (und)" abgebildet. Es befindet sich auf der Stiftertafel des Reichen Almosen in der Stadtkirche St. Michael in Schwäbisch Hall.

 

Die Familie Egen

Die Egen im Spätmittelalter

Im Jahr 1323 findet sich in den Geschichtsbüchern der damaligen "freyen Reichsstadt Hall" zum ersten Mal ein gewisser Kleinkunz Egen, welcher in selbigem Jahr als Stadtschuldheiß in Hall tätig wird.

Zwischen 1323 und bis ins Ende des 14. Jahrhunderts lässt sich die Familienlinie "der Egen zu Hall" nur schwer nachvollziehen.

So taucht 1378 und 1379 ein Itel Egen, ebenfalls als Stadtschuldheiß auf, welcher genau so schnell wieder von der Bildfläche verschwindet, wie er auftauchte. Ob der am 17.01.1374 in Hall erwähnte Volkhart Egen der Ältere in direkter Folge zum Stadtschuldheißen Itel Egen steht, ist nicht nachvollziehbar, liegt allerdings nahe. Volkhart Egen wird am 17.08.1391 nochmals bei einer Einwohnererfassung in der Stadt erwähnt und stirbt 1399 in Hall. Zusammen mit seiner Frau Guta Egen (von der leider nicht mehr als ihre bloße Existenz bekannt ist) hatte er aller Wahrscheinlichkeit nach drei Kinder: Elsbeth Egen, Greth Egen, die den Konrad von Senft ehelicht und damit in die zweit mächtigste Familie der Stadt und des Umlandes einheiratet, und Volkhard Egen der Jüngere.
Die Tatsache, dass Volkhart Egen 1399 stirbt, Volkhard Egen aber 1400 als Bürger der Stadt erfasst wird, lässt diesen Schluss zu. Mit wem Volkard Egen verheiratet war, ist nicht bekannt. Allerdings wird es sich auch hierbei um keine Ehe gehandelt haben, die ohne Vorteil für beide Familien ausging.

1415 wird "Volkhards selig Sohn" Hanns geboren. Die Formulierung eröffnet die Annahme, dass es sich hierbei um seinen einzigen Sohn handelt, auch weitere Kinder des Volkhard Egen sind nicht bekannt.

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Das Innere der St. Michaelskirche in Schwäbisch Hall. Ihre prächtige Ausstattung hat den Bildersturm, dank Johannes Brenz, überlebt und wurde in den folgenden Jahrhunderten von reichen Hallern immer wieder beträchtlich erweitert. 1427 begannen die Umbauarbeiten. Im bereits 1495 fertiggestellten Langhaus konnte an Jacobus 1523 die Reformation gefeiert werden. Der Chor wurde erst 1527 fertiggestellt.

 

Eltern der Sibylle Egen

Die Lebensdaten des Hanns Egen dagegen sind erstaunlich gut zu rekonstruieren. Zwischen 1442 und 1452 ist er in Hall, nachweislich, ansässig. Bei der Bürgererfassung aus dieser Zeit werden als Wohnorte das Haal und der Rosenbühl genannt. Beides Stadtgebiete der besseren Gesellschaft.

Ab 1443 hat er ein "Leibding zu Nördlingen". Diese Formulierung meint einen Rechtsanspruch, welcher aus einer Erbschaft resultiert. Da von Hanns Egen selbst nicht bekannt ist, ob er jemals in Nördlingen war, dies aber höchst unwahrscheinlich ist, liegt der Schluss nahe, dass er zu diesem "Leibding" über seine Frau, Barbara Egen (geb. Langenmantel) gekommen sein könnte. Von der lediglich ihr Mädchenname und ihre Herkunft - sie soll aus Ulm gekommen sein - bekannt ist.

Ab 1453 ist Hanns Egen in der benachbarten Reichsstadt Dinkelsbühl, mit dem Zusatz "oft Bürgermeister", gemeldet. Hier verstirbt er auch im Jahr 1498 im stolzen Alter von 83 Jahren.

Aus seiner Ehe mit Barbara Langenmantel, welche 1471 (wohl auch in Dinkelsbühl) verstirbt, gehen allen Quellen zur Folge drei Kinder hervor. Jeremias Egen, Hilaria Egen und Sibylle Egen. Sibylle muss auf Grund des frühen Todes ihrer Mutter also spätestens 1471 geboren sein.

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Der prächtige Hochepitaph der Familie Sannwald in der Michaelskirche. Sie stammen vom Schwager Sibilla Egens aus erster Ehe ab und sind Nachfahren des Ulrich und Veit von Rinderbach. Die Familie Sannwald erhob später Anspruch auf die Egen-Stiftung, bekam aber kein Recht.

Sibylle Egen in Hall

Die Tochter heiratet 1493 den Adligen Hans von Rinderbach (altes Haller Adelsgeschlecht), dessen Vorfahren immer wieder langjährige Stättmeister und Stadtschultheißen in Hall gestellt hatten. Nach dessen Tode am 14.02. 1500 bleibt ihr noch ihr einziger Sohn Matthias von Rinderbach (nach seinem Großvater Matthis von Rinderbach benannt, + 1492) welcher "stirbt bevor er volljährig ist". Er muss wohl 1493 oder 1494 geboren worden sein. Damit müsste sein Tod um das Jahr 1515 liegen.

Nach dem Verlust beider nimmt Sibylle von Rinderbach wieder ihren Mädchennamen an und ist fortan als "Sibilla die Egen" bekannt. 1517 heiratet sie ein zweites Mal. Diesmal den fast 20 Jahre jüngeren Anton Hofmeister aus Wimpfen. Dessen Vater war bereits Schultheiß in Wimpfen gewesen, was ihn zu einem Mitglied der oberen politischen Schicht machte. 1507 ist von ihm ein Studium der Rechtslehre in Leipzig bekannt. Bereits 1518 wird Anton Hofmeister - wohl nicht ohne das Zutun seiner politisch einflussreichen Frau - Ratsherr zu Hall und in den Jahren 1527, 1529 und 1531 ist dieser Stättmeister in Hall. 

Anton Hofmeister verstirbt am 20.09.1532 ohne offensichtlichen Grund. 

Bis zu ihrem Tode am 28.09.1538 lebt Sibilla Egen-Hofmeister als Witwe allein.

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Die Geschwister

Von ihrem Bruder Jeremias ist bekannt, dass er Chorherr zu St. Wilbold in Eichstätt war und 1509 an einer Stiftung seiner Schwester beteiligt war. Seine Töchter Magdalena, welche einen Sebastian Thumas ehelicht, und Katharina Egen, welche erst Friedrich Schletz (ein angesehener Bürger und langjähriger Stättmeister der Stadt Hall) und nach dessen Tod im Jahr 1500 einen Dr. Philipp Ehrer in Hall heiratet, können aus dem Umstand ihres Geschlechtes nicht für die weitere Linie der Egen verantwortlich sein (...auch der erste Mann von Sibylle von Rinderbach starb im Jahr 1500!). So muss hier noch ein drittes Kind, ein Sohn existiert haben, der allerdings nach momentanem Stand, völlig unbekannt ist. 

Die Schwägerin aus der zweiten Ehe der Katharina Egen ist eine gewisse Ursula Ehrer, eine gebürtige Büschler. Beide Familien, Ehrer und Büschler, sind alteingesessene haller Familien, welche über alle Jahrhunderte immer wieder als Ratsherren, Stättmeister und Schultheißen bekannt sind. Besonders die Schwägerin der Ursula Ehrer, die Frau des Konrad Büschler sollte seit dem Roman "Die Tochter des Salzsieders" von Ulrike Schweikert bekannt sein. Es handelt sich dabei um niemanden Geringeres als Anna Büschler.

Von der Schwester Sibylla Egens ist nur bekannt, dass sie Äbtissin in Neuburg (am Inn oder an der Donau) wurde und dass Sibilla sie in ihrem Testament 1538 bedachte.

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Auf der oben genannten Stiftertafel in St. Michael finden sich auch viele andere hochrangige Familien der Stadt Hall. So zum Beispiel die "Anna Bischlerin" (= Büschler; ganz links), die über zwei Seitenfamilien mit den Nichten Sibilla Egens verwandt war.

Die weitere Familiengeschichte

Die weitere Erbfolge der Familie Egen ist nur schwer nachvollziehbar. Der letzte "der Egen" verstirbt 1638 in Tübingen, kinderlos. Er müsste aller Wahrscheinlichkeit nach ein Nachfahre des Jeremias Egen sein, da sich sonst keine oder lediglich weibliche Nachkommen finden.

Die letzte Spur führt zu einer heute noch existierenden Haller Familie namens Eger, deren Zugehörigkeit zur Familienlinie Egen allerdings nur vermutet werden kann.

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Sibilla "die Egen"

Erster Lebensabschnitt (~ 1470 - 1493)

Sibilla (oder Sibylle) Egen wird um das Jahr 1470, wohl in Dinkelsbühl geboren.

Ihr Vater, Hanns Egen, der selbst aus Hall stammte und einer alten Haller Familie angehörte, ist ab 1453 Bürger von Dinkelsbühl und wird dort auch "oft Bürgermeister". 1490 wird Sibylle Egen zum ersten Male in Hall urkundlich erwähnt, als ihr die Stadt 10 Gulden schenkte, mit der Begründung: "...von irs vatters weg(en), als er Hohenlo und uns verteidigt hat." Hier wird die Hilfe der Stadt Dinkelsbühl bei Bauernaufständen an Hall beschrieben. 1493 heiratete sie den Haller Adligen Hans von Rinderbach, welcher am Fischmarkt (heute Am Markt 9) residierte. Zu diesem Haus gehört auch einer der mittelalterlichen Wohntürme der Stadt, welcher allerdings beim Stadtbrand 1728 mitsamt allen weiteren Gebäudeteilen, die dazu gehörten, zerstört wurde. Es ist wahrscheinlich, dass diese Ehe von Seiten ihres Vaters arrangiert wurde. Somit wurde eine Verbindung zwischen der alten Haller Familie Egen, welche sich in dieser Generation nach Dinkelsbühl abgesetzt hatte und dem politisch einflussreichen Haller Adelsgeschlecht von Rinderbach möglich. Es ist zu überlegen, ob diese Ehe nicht nur der Machtsicherung der Obrigkeit dienlich war. Doch selbst wenn, so war dies in der damaligen Gesellschaftsordnung durchaus üblich. 

Um 1493/1494 gebar Sibylle von Rinderbach ihren ersten und einzigen Sohn, Matthias von Rinderbach. Dieser wurde nach seinem Großvater benannt, dem langjährigen Stättmeister Mathis von Rinderbach.

Kurz vor seinem Tode verkaufte Hans von Rinderbach das Haus (14.01.1500) am Fischmarkt an seinen Schwager Ludwig Volland. Am 14.02.1500 verstirbt ihr Ehemann ohne genannten Grund. Ein Testament gab es nicht.

Sibylle von Rinderbach erbte somit sein gesamtes Vermögen, welches aus mehreren Höfen um Hall herum und einer ordentlichen Summe Geld bestand. Zudem erbte sie, als Vormund für ihren Sohn, alle vom Vater erworbenen Immobilien in Hall. Das Haus am Fischmarkt musste sie allerdings nach dem Tode ihres Mannes verlassen, auch wenn sie dort noch einige Zeit, als Witwe, geduldet war.
Ab 1508 lebt sie am Alten Schumarkt (heutige Ecke Haalstraße/Blockgasse). 1501 stiftete sie Zehnten an das Reiche Almosen*. In der Urkunde bestimmte sie, dass - "...so ir sune Mathis von rinderpach zu seinen jarn und tagen kopmt" - Dieser die Verfügungsgewalt über die Einkünfte erhält. Wie eine Notiz bei dem entsprechenden Eintrag im Stiftungsbuch ausweist "ist nichtz drauß word(en)".

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* Das "Reiche Almosen" war eine, halb kirchliche, halb städtische Stiftsorganisation, welche Ende des 15. Jahrhunderts in Hall gegründet wurde und die Speisung und Fürsorge Armer und Hilfsbedürftiger zur Aufgabe hatte. Diese Organisation ist vergleichbar mit den Pfründen der Kirche in der selben Zeit. Nur dass eben hier die Reichen einzahlten, und die Armen davon profitieren konnten. Des Weiteren wurde darin die eigene, soziale Absicherung des einzelnen gesehen.

Die erste Witwenschaft (1500 - 1517)

Matthias von Rinderbach, welcher als einziger männlicher Nachkomme mit dem Erreichen der Volljährigkeit einen Anspruch auf das Vermögen hätte erheben können, verstirbt, bevor er volljährig wird, wohl um das Jahr 1510. 

Da nun kein männlicher Nachkomme von Seiten des verblichenen Hans von Rinderbach mehr da war, wurde die politische Macht der Familie Rinderbach in die Hände von Hans' jüngerem Bruder Ulrich von Rinderbach gelegt, der als Ratsherr tätig war. Sein Sohn, Veit von Rinderbach, studierte erst in Tübingen und wurde 1509 Stättmeister von Hall.

Nach dem Tode ihres Sohnes nahm Sybille von Rinderbach wieder ihren Mädchennamen an und war fortan als "Sibilla die Egen" bekannt.

In der Folgezeit wird sie als besondere Wohltäterin beschrieben, die sowohl politischen, wie auch wirtschaftlichen Machteinfluss besaß.

Am 23.09.1509 gründete sie zusammen mit ihrem Bruder Jeremias Egen, der noch im selben Jahr verstarb, eine kirchliche Stiftung zur Unterstützung von jungen Frauen, Hebammen und Mägden. Sie stifteten 620 Gulden für wohltätige Zwecke. Die Verfügung über diese Stiftung legten sie in die Hände ihrer Erben und nach Jenen, in die des Rates.
Bereits 1507 beteiligte sie sich beim Bau der großen Haller Treppe vor St. Michael als eine der stärksten Investoren. Fortan kümmerte sie sich zudem um ihre beiden Nichten, Katharina und Magdalena, bis zu deren Hochzeiten.
Auch der Umbau der St. Michaelskirche selbst, der schon seit 1427 im Gange war, lag ihr sehr am Herzen, weshalb sie diesen auch finanziell stark unterstützte.

Ihre wahrscheinlich konservative christliche Einstellung veranlasste sie wohl die folgenden Jahre als Witwe zu leben.

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Matthias v. Rinderbach stirbt 1509, sein Cousin wird 1510 Stättmeister!

Die zweite Ehe (1517 - 1532)

Erst 1517 heiratete "die Egen" den fast 20 Jahre jüngeren Juristen Anton Hofmeister aus Wimpfen. Sein Vater war dort Schuldheiß. Es ist anzunehmen, dass sie ihren zweiten Gatten als einflussreiche Frau politisch gut platzieren wollte. Ihr selbst als Frau war der Zugang zum Rat verwehrt.

Berits 1518 wird Anton Hofmeister, der nur ein Jahr zuvor Bürger von Hall wurde, Ratsherr.

Ebenfalls im Jahr 1518 geht das ehemalige Rinderbachsche Anwesen am Fischmarkt in den Besitz der Familie Hofmeister-Egen über. Nun konnte die damals zirka 50-jährige wieder am Marktplatz residieren. Dieses Haus war zwischenzeitlich zum Schauplatz der sogenannten "dritten Zwietracht", der Haller Verfassungskämpfe geworden, bei denen die adligen und die bürgerlichen Ratsherren um das Zugangsrecht zu der im Hause befindlichen bürgerlichen Trinkstube stritten. Der Adel unterlag bei dieser Auseinandersetzung, worauf die meisten Adligen die Stadt verließen und diese fortan überwiegend von Handwerken und einfach Bürgern regiert wurde.

Am 02.05.1523 (?) überschrieb Sibilla Egen-Hofmeister große Teile des gemeinsamen Vermögens an ihre Stiftung und ergänzte diese dadurch zu einer rein sozialen Stiftung. Sie entwickelte eine planmäßige Förderung von jungen, armen Frauen und Jugendlichen, damit diese nicht in den "Müssiggang" verfielen. Dieses Vorgehen, zu vergleichen mit der Vergabe von Stipendien, war revolutionär und zukunftsorientiert.

Es liegt nahe, dass dieses Vorgehen durch Johannes Brenz (1499 - 1570) bewirkt wurde. Er schreibt in einem Dekret über die Stiftung "Von der Schul": "...die geschrift ... gehort auch den weybern zu ..." 1529 lässt sie ihre Stiftung offiziell und urkundlich in eine soziale Stiftung umwandeln.   

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Reformationszeit in Hall (1523 - 1525 - 1548)

An Jacobus 1525 wird in Hall die Reformation durch den jungen Stuttgarter Prediger Johannes Brenz durchgeführt. Anton Hofmeister (und wohl auch dessen Gattin) waren große Förderer und Unterstützer Brenz'. Sogar von einer innigen Freundschaft zwischen Anton Hofmeister und Johannes Brenz wird berichtet.

Viele Haller Adels- und Ratsfamilien unterstützen den Reformator, bedeutete dies doch die Möglichkeit zur Machtausbreitung und Lösung von der römisch-katholischen Kirche, welche die Bürger - auch politisch - stark beeinflussen konnte. 1527 wird die Stadtkirche St. Michael fertiggestellt. Sibilla Egen-Hofmeister erlebte also noch die Fertigstellung ihrer geliebten Michaelskirche. 

1527, 1529 und 1531 leitete Anton Hofmeister als Stättmeister die Verwaltung der "freyen Reichsstadt Hall". Zu erwähnen wäre hier, dass Hall sich zu dieser Zeit auf dem Höhepunkt seiner politischen und vor allem wirtschaftlichen Geschichte befand. Die Stadt wird in dieser Epoche als eine der wichtigsten Markt- und Handelsstädte Mitteleuropas beschrieben.

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Brenz kam um 1520 nach Hall, nachdem er in Stuttgart Theologie studiert hatte. Er wurde in Hall Stadtpfarrer und führte 1523 die Reformation durch. 1540 musste Brenz vor römisch-katholischen Truppen aus der Stadt fliehen und konnte sich nach Stuttgart absetzen. Mit der Unterstützung des Herzogs von Württemberg gelang es ihm in ganz Süddeutschland reformatorisch zu wirken.

Die zweite Witwenschaft (1532 - 1538)

Nach seiner Amtsperiode 1531 (kein Stättmeister konnte zwei Jahre am Stück regieren) verstarb auch Anton Hofmeister am 20.09.1532. Aus der Ehe gingen keine Kinder hervor. Somit fiel das gesamte Vermögen des Anton Hofmeister an Sibilla Egen-Hofmeister. Diese kümmerte sich bis zu ihrem Tod weiter mit viel Hingabe um ihre Stiftung und lebte als Witwe allein mit ihren Mägden.

In dieser Zeit kümmerte sie sich erfolgreich um die Verwaltung aller ihrer Güter. Durch finanzpolitisches wie auch kaufmännischem Geschick, konnte sie zeitlebens einen Vermögenszusatz von 57% erwirtschaften.
Nach dem Tode ihres ersten Mannes 1500 erbte sie ein Vermögen von 4000 Gulden. Kurz nach der Heirat mit Anton Hofmeister, 1519 betrug dies bereits 5200 Gulden. Und nach dem Tode ihres zweiten Mannes hatte sie ein Vermögen von 6000 Gulden inne. Sie mehrte also ihr Vermögen auch während ihrer Witwenschaft. Neben ihrem Finanzvermögen besaß sie noch etliche Immobilien, Liegenschaften und Landbesitz, den sie, Zeit ihres Lebens stark erweitern konnte. Sie wusste diese gut zu verwalten. Sie besaß mehrere Güter, so zum Beispiel Höfe in Hagenbach und Tüngental, sowie in Erlach und Heimbach und einen stadtnahen Weinberg. 
Sie erhielt Gülten von Bauern aus Großaltdorf, sie hatte Anteil am Zehnten von Büchelberg und Ziegelbronn. Auch als frühe Immobilienmaklerin bewies sie ihr können. Sie beobachtete den Immobilienmarkt immer sehr genau. So veräußerte sie um 1500 einen Teil ihres Landbesitzes und legte das Geld gewinnbringend an, da der in dieser Zeit aufkommende Zinskauf eine höhere Rendite als Immobilien abwarf.
Ihre persönliche Absicherung im Alter war ihr zudem wichtig. Sie bezog neben den Einkünften aus ihren Liegenschaften ein monatliches Witwenliebgeding vom Spital in Höhe von 100 Gulden.

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Der Lebensabend und die Stiftung (1533 - 1538)


Am 02.05.1533 erweiterte sie ihre Stiftung beträchtlich zu Gunsten von studierenden Bürgerssöhnen, schwangeren Frauen, bedürftiger Handwerker, Witwen und Waisen.

In ihrem Testament erwähnt die getaufte Katholikin nur noch Gott, nicht mehr die Heiligen. Sie verantwortet ihre Verwaltung nur als Verwaltung von Gottes Besitz auf Erden. Hier mischen sich Vorstellungen des Katholizismus und der frühen protestantischen Kirche. Brenz hatte sie also tiefgehend geprägt. Sie verteilte auch ihr Vermögen bis ins Detail. Ihren Nichten, die bei ihr lebten, vermachte sie einige Güter, ihren Verwanden Andenken, aber kein Geld. Auch bei ihrer Schwester und ihrem Bruder machte sie hier keine Ausnahme. Ihr Vermögen fiel der Stiftung zu.

Zudem bedachte sie auch hier die Armen. Sie stellte fest, wem nach ihrem Tode die Schulden zu erlassen seien und dass ihre alten Kleider und Tücher den Armen überbleiben sollen. Sie stiftete den Spitälern der Stadt auch Betten und widerrief ihre Bestimmung, dass bis zum 30. Tag nach ihrem Tode 3 Arme gespeist werden sollen. Nun legte sie stattdessen fest, dass an zehn Arme ein "ziemlich Malzeit" auszugeben sei.

Vorausblickend legte sie des weiteren fest, dass der Verwandte, der das Testament anfechten würde - weil die Verwandtschaft zu wenig, die Stiftung zu viel erhalten würde - gar nichts bekommen solle.

Am 28.09.1538 stirbt Sibilla Egen-Hofmeister im Alter zwischen (min.) 68 und 70 Jahren.

Sie kümmerte sich um die sozial Schwächeren wie keine andere vor ihr und legte den Grundstein für den späteren städtischen Sozialhaushalt.
Sie war eine außergewöhnliche Bürgerin der Stadt Hall und eine herausragende Frau, die es zeitlebens verstand, das Gleichgewicht aus Geben und Nehmen zu halten.

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Stand: 15-05-27
Letzter Bearbeiter: Jürgen Gierich
Autor (Text und Bilder): Ferdinand M. Schäfer (2008)
Datei: schule/sibilla/sibilla1.htm