Amok - Mobbing – Horrorkids

Professor Adolf Gallwitz von der Hochschule für Polizei in Villingen-Schwenningen spricht über ein aktuelles Thema: Gewalt unter Jugendlichen.
Erziehungspflicht lässt sich nicht erzwingen und Erziehungsfähigkeit ist nicht angeboren. Immer mehr Kinder brauchen schon im Kindergarten spezielle Betreuung. Und immer mehr Eltern scheinen Hilfe bei der Kindererziehung von der Gesellschaft zu fordern. Seit dem Schock von Erfurt und nach anderen bundesdeutschen Horrornachrichten aus Schulen wird die Gewaltbereitschaft junger Menschen mit großer Besorgnis betrachtet. Haben die Untergangstheoretiker mit ihren pessimistischen Erklärungen Recht oder handelt es sich nur um eine mediale Überzeichnung?

Das Verbot von umstrittenen Computerspielen, auch Killerspiele genannt, wäre die einfachste und vor allem kostengünstigste Lösung. Eigentlich müssten wir jedoch verbieten, dass Kinder und Jugendliche in für sie ungünstigen Umgebungen aufwachsen müssen. In der Abendveranstaltung wird ein Bild von der Entstehung und Auffälligkeit jugendlicher Gewalttätern skizziert. Wie kaum ein anderer weiß Gallwitz aus seiner beruflichen Erfahrung, dass das Ausmaß an Gewalt in Familien und die Not vieler Kinder heutzutage enorm ist. Umstrittene Computerspiele macht er dafür jedoch nicht verantwortlich. Auch Schule kann die Hölle sein, weshalb sie nicht selten als Tatort für schreckliche Verbrechen oder tätliche Auseinandersetzungen gewählt wird. Den ersten Amoklauf in einer deutschen Schule hat es am 11. Juni 1964 in Nordrhein-Westfalen gegeben, die letzte Drohung hat am 6.12.2006 Baden-Württemberg in Angst und Sorge versetzt. Wenn wir aus Erfurt gelernt haben, als Eltern, Erzieher, Lehrer, Schulleiter oder Politiker, aber auch als Klassenkameraden oder Nachbarn, dann können wir uns getrost zurücklehnen.

In deutschen Schulklassen gibt es schätzungsweise 50.000 Mobbing-Opfer, wobei mit Mobbing und Bullying das systematische Schikanieren von Schülerinnen und Schülern gemeint ist. Vielleicht schaffen wir es ja nach den rauchfreien Schulen auch noch mobbingfreie Schulen zu schaffen.

Wie auffällig sind unsere Kinder und Jugendlichen? Was sind die Ursachen für eine dauerhafte Dissozialität und wer sind die jugendlichen Intensivtäter?

Eine Veranstaltung gegen Nicht-Wissen und für Veränderungen im Kleinen, denn jeder verhinderte Schüler in Not, jede frühzeitig erkannte Gewaltkarriere ist Prävention, auch wenn sie nicht ganz so sichtbar sind wie die großen Programme, Frühwarnsysteme und Forderungen.

Über den Redner

Adolf Gallwitz ist Professor und Prodekan der Sozialwissenschaftlichen Fakultät an der Hochschule für Polizei in Villingen-Schwenningen und Lehrbeauftragter an der Universität Konstanz. Als Medizinpsychologie und Polizeipsychologie sind seine Schwerpunkte psychische Störungen, Sexual- und Tötungsdelikte und Jugendkriminalität.

Im Bereich der Aus- und Fortbildung und im Masterstudium sind seine Themen neben der angewandten Psychologie, Gewaltkriminalität, Bedrohungsmanagement, Sexualkriminalität, Menschenhandel, Öffentlichkeitsarbeit, Medienkompetenz, Führungspsychologie, Jugendkriminalität, Profiling, Tatmusteranalyse, psychische Störungen, Menschenführung in Extremsituationen, Amok, Geiselnahme, Vernehmungspsychologie, Beurteilung der Glaubwürdigkeit von Quellen, Personalauswahl und Training von Spezialkräften (z. B. Beweis- und Festnahmeeinheiten). Daneben ist er Gutachter am Internationalen Gerichtshof in Den Haag, Gutachter der Polizei und Staatsanwaltschaft bei Fällen von Produkterpressung, bei Kapitalverbrechen mit unbekannten Tätern, Mitglied im wissenschaftlichen Beirat verschiedener Fachzeitschriften (CD-Sicherheitsmanagement, Geistig Fit, Gesellschaft für Gehirntraining), Member of Texas Association of Crime and Intelligence Analysts.

Auszug von Veröffentlichungen zum Thema:

Gallwitz, A. Zerr, N. (Hrsg.) (2000). Horrorkids? Jugendkriminalität: Ursachen – Lösungsansätze. Hilden: Verlag Deutsche Polizeiliteratur.

Gallwitz, A., (2001). Amok – Grandios untergehen, ohne selbst Hand anzulegen. Polizei heute 6 (2001) 170-175

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Stand: 09-07-20
Letzter Bearbeiter: GiJ
Datei: schule/2007_08/gallwitz/gallwitz1.htm