Der aus den Medien bekannte Lebensmittelchemiker Udo Pollmer ist auf Einladung des Freundeskreises der Haus- und Landwirtschaftlichen Schule in Schwäbisch Hall. Er hält einen Vortrag über Einsatz und Wirkung von Zusatzstoffen in Lebensmitteln. Die Veranstaltung mit anschließender Diskussion findet am Freitag, dem 13. Oktober 2000, in der Turnhalle der Haus- und Landwirtschaftlichen Schule, Hauffstraße statt. Der Eintritt ist frei.
In der Öffentlichkeit wird stets das "strengste Lebensmittelrecht der Welt" beschworen, dabei findet sich in den meisten Produkten allerlei, was erst einmal verdaut werden will, beispielsweise Antischnurrmittel für Kekse und Brötchen, Trübungsmittel für Fruchtsäfte, Geschmacksverstärker für Fertigsuppen und Antioxidantien für Chips. Entgegen der öffentlichen Meinung dienen die meisten Substanzen weniger der Konservierung, sondern der Maschinenfreundlichkeit und dem Geschmacks-Design.
Neben den Zusatzstoffen sind neuartige Rohstoffe und Technologien die wichtigsten Instrumente für ein erfolgreiches Food-Design. Sie werden benötigt, um vertraute Produkte - meist ohne Deklaration - nachmachen zu können. Wer ahnt schon, dass sich Quark oder Sahne täuschend echt durch Molke ersetzen läßt, dass Tomato-Stretcher helfen, die Tomaten im Ketchup einzusparen oder dass das Himbeeraroma eigentlich ein Extrakt aus Zedernholzöl ist?
Diese diversen Tricks der Hersteller zeigt Udo Pollmer in seinem Vortrag auf, anschließend können Fragen gestellt und Inhalte diskutiert werden. Herzlich eingeladen sind alle Interessierten.

Der
Bericht:
Der
Freundeskreis der Hauswirtschaftlichen
Schule Schwäbisch Hall lud ein:
Holz
statt Himbeersaft!
Das führende Branchenhandbuch listet 7.500 verschiedene Zusatzstoffe auf, die u.a. in Jogurts und Drinks, Pralinen und Spagettisaucen gemixt werden. Mit diesem Thema beschäftigte sich am Freitag, 13. Oktober 2000, der sehr gut besuchte Vortrag des Lebensmittelchemikers Udo Pollmer, bekannt durch Bestsellerbücher wie „Prost Mahlzeit!“. Dazu geladen hatte der Freundeskreis der Hauswirtschaftlichen Schule Schwäbisch Hall, der mit diesem Abend eine bunte Veranstaltungsreihe eröffnete.
Udo Pollmer hat das Wort!
Häufig steht in der Diskussion um Zusatzstoffe ihre mögliche Giftigkeit im Vordergrund. Dadurch wird man ihnen, laut Pollmer, aber nicht gerecht, denn die Zusatzstoffe entfalten ihre entscheidende Wirkung indirekt. Sie beeinflussen unser Ernährungsverhalten und sind damit die Hauptverantwortlichen für Fehlernährung und Übergewicht. Und dann gibt es eine Ernährungsberatung, die den Menschen rät weniger zu essen, während Heerscharen von Experten versuchen, unseren Appetit absatzförderlich zu prägen und zu steigern.
Kalorienreduziertes
Fett! Zuckerfreie Bonbons mit dem Vitamingehalt von 7 kg Vollkornreis!
Heute scheint alles möglich zu sein. Der „nahrhafte“ Teil eines
Lebensmittels
muss nur durch bissfestes Wasser ersetzt werden. Lebensmittel-Design
und
Geschmacks-Tuning machen es möglich. Gaumen und Nase lassen sich leicht
täuschen, der Körper leider nicht. Wenn der Geschmack von Fett
oder Zucker erkannt wird, so werden bestimmte Soffwechselvorgänge
aktiviert. Aber wo bleibt denn das Fett, der Zucker? Mehrmals
getäuscht,
befürchtet der Körper einen Mangelzustand und steigert vorsorglich
den Appetit. Die Folgen sind tausendfach im Land mit der größten
Nachfrage nach aller Arten von „Light“-Produkten zu sehen. Dort ist
fast
jeder Zweite übergewichtig, trotz oder gerade wegen fettfreiem Fett
und Süßstoffen. In der Tierernährung werden die Süßstoffe
unter der Rubrik „Masthilfsmittel“ geführt. Dies besagt alles.
Schön wäre es, wenn nur die Lebensmittelindustrie der Buh-Mann wäre. Dank unserem Gesetzgeber hat jedoch der Verbraucher immer das beruhigende Gefühl zu wissen, was er in den Händen hält, sofern er sich die Mühe macht, die aufgedruckten Angaben zu lesen. Doch gibt es neben den Zutaten auch „Nichtzutaten“, die nur zur technologischen Herstellung benötigt werden und so nicht zwingend deklariert werden müssen. Der Nichtzutaten gibt es viele: Antischnurrmittel, Rieselhilfsmittel, Schälmittel, Schaumverhüter ...
Viele Verbraucher kaufen bewusst Produkte ohne Glutamat. Welcher aufmerksame Leser würde aber die „fettfreie Milchtrockenmasse“ in der Zutatenliste mit dem verrufenen Geschmacksverstärker in Verbindung bringen?
Im Klartext: Was im Lebensmittel drin ist, muss nicht immer drauf stehen – aber auch das, was draufsteht muss nicht immer drin sein. Aber warum erfährt der Verbraucher diese Dinge nicht? Wovor fürchten sich Lebensmittelindustrie und –handel? Oder ist das eigentliche Geheimnis moderner Lebensmittel ein ganz anderes. Dank Aromen, Knusperstoffe und Farben, Lebensmittel-Design und Geschmacks-Tuning wird der Appetit angeregt und die Verzehrslust geweckt. Nur dies steigert den Gewinn: essen – wieder kaufen – essen, obwohl man schon längst satt ist, mit Aromen als Lockstoffe für den kaufunlustigen Verbraucher. Mutters Küche ist bekanntlich die beste. Und die trägt, laut Pollmer, heute den Namen großer Firmen.
Udo
Pollmer hat es geschafft, erfrischend und lebensnah, komplizierte
Hintergrundinformationen
zu vermitteln. All denen, die diesen kurzweiligen, aufschlussreichen
und
fundierten Vortrag nicht genießen konnten oder jetzt auf den Geschmack
gekommen sind, sei das Buch „Vorsicht Geschmack“ von Udo Pollmer u.a.
empfohlen.
Ausblick
Dieser ersten, sehr gelungenen Auftaktveranstaltung des Freundeskreises der Hauswirtschaftlichen Schule Schwäbisch Hall werden hoffentlich noch viele weitere folgen. Natürlich freut sich der Freundeskreis auch über die in seiner kurzen Bestehenszeit beachtliche Mitgliederzahl, die diese Aktionen ermöglichen. Ein herzlicher Dank geht in diesem Zusammenhang an alle Beteiligten, die tatkräftig zum Gelingen des Abends beitrugen. Neue Mitglieder sind natürlich immer willkommen. Weitere Informationen über den Freundeskreis der Hauswirtschaftlichen Schule und seine Aktivitäten erhalten Sie von der Schule.
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Stand:
00-11-17
Bearbeiter: Mis/GiJ (2000) Datei: schule/2000_01/pollmer.htm |